Ein Bericht von Beate Braun
ViLE-Süd besuchte am 14.11.2025 mit 24 Gästen, davon 9 Mitglieder von ViLE, das Museum Humpis Quartier in Ravensburg. 20 Gäste reisten mit dem Zug an und erreichten nach einem 15-minütigen Fußweg das Museum, wo weitere fünf Teilnehmende auf uns warteten.
Mit unserer Museumführerin, Frau Metzger, betraten wir das architektonische Markenzeichen des Museums, den glasüberdachten Innenhof, der als Veranstaltungsort und zentraler Treffpunkt dient. Hier nahmen wir auf den Treppenstufen Platz.

Frau Metzger begrüßte uns. Sie informierte uns darüber, dass das Humpis-Quartier aus sieben historischen Gebäuden besteht und zeigte uns, wo diese einzelnen Gebäude stehen. Durch den Umbau zum Museum wurden die zwischenzeitlich getrennten Gebäude wieder zu einem Ensemble zusammengeführt und um moderne Elemente ergänzt. In einem dieser modernen Elemente finden wechselnde Ausstellungen statt.

(Foto Norbert Rückgauer)
Namensgeber des Quartiers ist die Familie Humpis, deren Wappentier, ein Windhund, bis heute das Maskottchen des Museums ist. Als Mitbegründer der „Großen Ravensburger Handelsgesellschaft“ prägten die Humpis die Geschichte der Reichsstadt Ravensburg im Spätmittelalter. Als Fernkaufleute unterhielten sie Beziehungen in ganz Europa und gestalteten als Bürgermeister die Politik der Stadt mit. Das 15. Jahrhundert war für Ravensburg eine Blütezeit. Die Reichsstadt mit ihren ca. 5.000 Einwohnern war ein weitgehend autonomer Miniaturstaat, der vom Bürgermeister und Rat regiert wurde.
Anschließend führte uns Frau Metzger durch die Wohnräume und Lebenswelten der früheren Bewohnerinnen und Bewohner.
Im ersten Stock war in einer Vitrine die Kopie eines Grabsteins ausgestellt, auf dem Henggi Humpis (Hundbiss) abgebildet ist. Da es zur damaligen Zeit noch keine gemalten Porträts und erst recht keine Fotografie gab, weiß man durch den Grabstein, wie er ausgesehen hat. Er trägt einen in vielen Falten gelegten Mantel aus niederländischem Tuch. Daher kommt der Ausspruch „gut betucht“. Außerdem wohnte die Familie Humpis in einem Steinhaus, während viele andere Häuser aus Holz gebaut waren – die Familie war also auch „steinreich“.
Besonders eindrucksvoll waren die rekonstruierten Stuben mit ihren Holzvertäfelungen, die den Alltag der wohlhabenden Kaufleute erahnen lassen.

(Foto Norbert Rückgauer)
In einem weiteren Raum waren die Handelsgüter ausgestellt, mit denen die „Große Ravensburger Handelsgesellschaft“ gehandelt hat. Oberschwäbische Leinwand aus Flachsgarn und Barchent, ein Mischgewebe aus Leinwand und Baumwolle, wurde verkauft. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts handelte die Gesellschaft mit hochwertigen Gebrauchs- und Luxusgütern aus dem Orient und ganz Europa, die gerade Konjunktur hatten, unter anderem auch Gewürze, wie z.B. Safran, und Spezereien. Sitz der Gesellschaft war Ravensburg und die Verwaltungszentrale befand sich hier. Geführt wurde die Gesellschaft von der Familie Humpis.

Woher welche Waren bezogen wurden, ist auf diesem Foto zu sehen:

Der Plan war hinter Glas; deshalb strahlt die Lampe zurück. Trotzdem ist die jeweilige Herkunft zu erkennen.
Anschließend besuchten wir das Haus der Gerberfamilie Wucherer. Maria Magdalena Wucherer, geborene Keckin, war als Tochter eines Schneidermeisters und Erbin des Hauses Marktstraße 45 eine gute Partie. Sie heiratete 1716 einen Weißgerber, der im Haus eine Weißgerberei gründete. Nach dessen Tod im Jahre 1747 führte Maria Magdalena Wucherer den Betrieb weiter und übergab ihn im Jahre 1756 nicht dem älteren Sohn Melchior, sondern dem jüngeren, Johannes. Melchior verschaffte sie 1754 beim Rat die Erlaubnis, das Rotgerber-Handwerk auszuüben. Das Haus teilte sie zwischen beiden Söhnen auf – damit habe der Ärger begonnen. Weißgerber war der bessere Beruf, denn sie gerbten zum Beispiel Ziegenleder.

Frau Metzger führte uns in einen Raum, in dem sich eine Gerbergrube befand. Hier wird gezeigt, wie das Leder geschabt, gegerbt und zum Trocknen aufgehängt wurde. Es handelt sich um die Grube des Rotgerbers, die im Innenhof des Quartiers gefunden und dann im Dachgeschoss des Hauses der Familie Wucherer eingebaut wurde.

(Foto Norbert Rückgauer)
Im 18. Jahrhundert hatten „Flucher und Spieler“, „Säufer und Raufbolde“ und andere in Ravensburg mit dem Schandmantel (auch Spanischer Mantel genannt) zu rechnen. Dies war eine Ehrenstrafe wie der Pranger, der Schandpfahl oder die Halsgeige. Wer ihn umgelegt bekam, wurde auf dem Platz vor dem Waaghaus öffentlich zur Schau gestellt. Er – selten auch einmal eine sie – durfte beschimpft, misshandelt und mit Unrat beworfen werden. Danach führte ein Trommler den Verurteilten im Schandmantel durch die Stadt, damit möglichst viele Menschen sahen, dass er etwas Unrechtes getan hatte.

In der Oberstadt lebten die Patrizier, in der Unterstadt die Handwerker. Es gab jedoch noch eine Besonderheit, nämlich die Religionsparität. Die vier Reichsstädte Ravensburg, Augsburg, Biberach und Dinkelsbühl waren die einzigen, in denen die konfessionelle Parität nach dem Westfälischen Frieden von 1648 verbindlich festgeschrieben wurde. In Ravensburg wurden die Kirchen zum Teil von beiden Religionen benutzt.
Die Häuser der Protestanten sind auf der Karte lila gekennzeichnet, die der Katholiken grünlich-gelb.
Im Jahr 1842 eröffnete der Wirt und Bierbrauer Gottfried Rösch die Humpis-Stuben. Gottfried Rösch repräsentierte das Zeitalter der Industrialisierung. Im Erdgeschoss befanden sich eine Gaststube und ein Bierausschank, im ersten Stock ein Speisesaal (Grüner Saal), der als Treffpunkt der städtischen Honoratioren diente. Die Humpis-Stuben waren im 19. und 20. Jahrhundert ein Ort der Gastlichkeit, der Geselligkeit und des Austauschs zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, sowie zwischen Einheimischen und Fremden. Auch die Ravensburger Vereine trafen sich hier.

Beim Verlassen des ehemaligen Gastraums konnten wir noch einen Blick in den Schankraum werfen, der sogar mit einem Speiseaufzug ausgestattet war; denn die Küche war im Erdgeschoss.

Anschließend begaben wir uns zu einem Haus rechts des Innenhofs. Im ersten Stock besichtigten wir die kleinen und engen Räume, in denen die Schwabenkinder gelebt hatten. Die Schwabenkinder waren Kinder aus Südtirol im Alter von 5 bis 13 Jahren, die Ende des Winters über die Alpen wanderten, um vom Frühjahr bis zum Herbst in Ravensburg und Umgebung zu arbeiten. Sie hüteten Vieh, arbeiteten im Stall, im Hof, im Haus – einfach überall. Sie wurden wie Sklaven behandelt und erhielten nur Essen sowie zweimal Kleidung, einen Satz für Werktage und einen für Sonntage. Das wenige Geld, das sie verdienten, brachten sie dann ihren Eltern in Südtirol.

Nach rund 90 Minuten endete die Führung. Die Teilnehmenden waren von dem Museum und der sehr interessanten Führung begeistert.
Im nebenstehenden Gasthaus Humpis, dem Nachfolger der oben genannten Familie Rösch, war ein Raum für unser Mittagessen reserviert. Das Essen war frisch zubereitet und schmeckte sehr gut.
Anschließend bummelten wir in verschiedenen Gruppen durch Ravensburg. Die Altstadt von Ravensburg hat mit seinen mittelalterlichen Gebäuden fast ein südliches Flair. Wir schlenderten über die Marktstraße zum Marienplatz und standen direkt gegenübervor dem Lederhaus. Das Lederhaus war das Marktgebäude der Schumacher, Sattler und Gerber; jetzt ist u.a. die Touristen-Information darin untergebracht. Wir sahen das Rathaus, das Kornhaus, das Waaghaus, den Bläserturm und das Frauentor; anschließend spazierten wir zurück über die Bachstraße zum Bahnhof. Auch alle anderen fanden den Weg zum Bahnhof, so dass wir rechtzeitig den Zug nach Ulm erreichten.
Die Nutzung der Fotos wurde vom Kulturamt der Stadt Ravensburg mit Mail vom 27.11.2025 genehmigt.





