Gabriele Münter im Kunstmuseum – Stadtführung
von Dorothee Durka (mit Barbara Heinze und Beate Braun)
Am 13. 3. fuhren wir, 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, davon 9 von ViLE, mit einem pünktlichen Zug nach Ravensburg. Wir machten uns bei sonnigem Wetter auf den Weg ins Kunstmuseum Ravensburg, wo eine Führung für die Sonderausstellung„Gabriele Münter – Aufbruch in Form und Farbe“ gebucht war. Diese Ausstellung hatte noch einen zweiten Teil: „Kathrin Sonntag und Gabriele Münter. Das Reisende Auge“. (1)
Diese zweite Ausstellung hatten wir vorher nicht im Blick, aber dort begann die kompetente Führung mit Frau Ziesel vom Kunstmuseum.

Münter und Sonntag – zwei Personen, von denen die meisten von uns nicht den Zusammenhang kannten. Umso gespannter waren wir, das zu erfahren.
Gabriele Münter gilt heute als eine der bedeutendsten Pionierinnen des deutschen Expressionismus. 1898 – 1900 schuf sie auf einer Amerika-Reise etwa 400 Fotoaufnahmen. Bereits im Vorfeld ihrer Malerei erkennt man die Motivsuche, den künstlerischen Ausdruck, die herausragende künstlerische Qualität. Auch später griff sie oft wieder zur Kamera, als Malerin auf Motivsuche, als Weggefährtin von Wassily Kandinsky, der ihr Lehrer war. Mit ihm lebte sie ab 1909 in Murnau. Murnau hatte einige Vorteile: Moor und Natur, Lage direkt am Staffelsee, nahe dem Allgäuer Gebirge. Sie gründete um 1912 mit Kandinsky, Jawlensky und Marianne von Werefkin den Blauen Reiter. Für die Nazi-Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ war sie zu unbedeutend. Sie hatte ihre Bilder im Münchener Lenbachhaus, allein 139 Ölgemälde, versteckt. Erst in den fünfziger Jahren wurde sie berühmt. Sie starb 1962.
Kathrin Sonntag, *1981, zählt zu den Künstlerinnen der internationalen Fotografieszene. Sonntag setzte sich mit den Fotografien von Münter auseinander.
Der erste Teil der Ausstellung nennt sich ‚Das Reisende Auge – Reisebericht‘.
Es geht darum, wie Münter auf ihrer Amerikareise (1898 – 1900) das Medium Fotografie entdeckte und nutzte. Dieser Teil gibt wichtige Einblicke in den Entstehungsprozess der Ausstellung.
In der Abteilung „Das Reisende Auge – Echos“ sieht man, wie Kathrin Sonntag sich mit den Fotografien von Münter beschäftigt und sich von ähnlichen Motiven leiten lässt. Es geht auch um die Resonanzen, die Münters Fotografien bei Sonntag erzeugen.
50 ausgewählte Fotografien setzt Sonntag mit 45 eigenen Fotografien in einen Dialog. Münter wollte, so schreibt es Sonntag, wohl nicht ihre Fotografien ausstellen. Sonntag machte keine eigenen Fotografien, sondern untersuchte ihr Archiv nach korrespondierenden Fotos zu denen von Münter. Darin findet sie ein unerwartetes Echo.
Am Ende des 1. Stocks wird ein Prozess dargestellt, wie Sonntag und die mit ihr befreundete Künstlerin Nina Hoffmann (*1980) ein Zwiegespräch miteinander halten über das Fotografieren.
Im 2. Stock des Museums sahen wir viele bisher nicht bekannte Gemälde von Gabriele Münter, von den Anfängen ihres Künstlerlebens über ihre ganze Lebenszeit. Frau Ziesel brachte uns so das Leben von Gabriele Münter näher und las viele ihrer Zitate vor. Es ging über die Zeit mit Kandinsky, über die Zeit in Murnau, über die Zeit in Skandinavien (Kandinsky ging Anfang des 1. Weltkriegs nach Russland, Gabriele Münter nach Skandinavien), über die produktivste Zeit ihres Schaffens von 1908 bis 1914, die Zeit ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1920. Murnau war ihr bevorzugter Malort, wo sie sich 1931 endgültig niederließ.

(Foto Barbara Heinze)
Nach einem guten Mittagessen in der Gaststätte Humpis-Quartier begrüßte uns der Stadtführer Michael Borrasch zu einer Stadtführung. Im Museum Humpis Quartier besichtigten wir nur kurz den Innenhof, denn eine Gruppe von ViLE hatte dieses Museum am 14.11.25 besucht und davon ausführlich berichtet. Das Thema war: die Stadtgeschichte von Ravensburg.
Üblicherweise verläuft die Stadtführung in anderer Reihenfolge, nämlich vom Marienplatz aus, aber da wir schon im Humpis-Quartier waren, holte uns Herr Borrasch, unser Stadtführer, dort ab. Er wies uns von unten auf die Entstehungsgeschichte der Stadt hin, den Turm Mehlsack, der das Wahrzeichen der Altstadt von Ravensburg ist. Sein Name stammt von der damaligen Form der Mehlsäcke. Der Turm stammt aus dem 15. Jh. und sollte gegen Angriffe auf die Veitsburg schützen. Diese ist eine Höhenburg auf 525 m über der Stadt. Der Name ist der neuzeitliche Name von Ravensburg. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für den Namen, jedenfalls stammt er von einer Burgkapelle, die dem heiligen Veit geweiht war.
Von dort oben gib es einen schönen Blick auf die Stadt. Heute ist die Veitsburg eine Jugendherberge.
Diese schönen Gebäude liegen weit oben über der Stadt, deshalb konnten wir sie nicht besichtigen, aber zumindest auf den Mehlturm hinaufschauen. In der Nähe befindet sich auch das Obertor mit 42 Metern Höhe. Es stammt aus dem Spätmittelalter und führt in Richtung Wangen.
Nach dieser historischen Einführung war unser aktueller Standort an der Reihe: dem Humpis-Quartier. Der Führer berichtete nun kurz von dessen spezieller Geschichte.
Es ist eines der am besten erhaltenen spätmittelalterlichen Wohnquartiere Süddeutschlands. Dort residierte das Adelsgeschlecht der Welfen. Humpis war ein Handelsgeschlecht mit Fernhandel bereits im Mittelalter, das sich in diesem Wohnviertel der Patrizier niederließ. Dieser Bezirk ist heute die Oberstadt. Dort befinden sich das Kunstmuseum, das Wirtschaftsmuseum und das Museum im Humpis-Quartier.

Wir gingen bergab Richtung Marienplatz, dem Zentrum von Ravensburg, der die Oberstadt mit den reichen, meist evangelischen Patriziern von der Unterstadt mit Handwerkergilden abgrenzte. Wir sahen das Kornhaus (heute Stadtbibliothek in Renovation). Es ist ein bedeutender Teil der Stadt, weil Oberschwaben die Kornkammer Deutschlands und Ravensburg das Zentrum der Bodenseeregion war.

Wir besuchten die evangelische Stadtkirche, die im 14. Jahrhundert von Karmelitern, einem Bettelorden, gegründet worden war, ausgestattet mit Holzbalkendecke statt mit einem Gewölbe und aus Bruchsteinen erbaut, wie es für die Bettelorden-Architektur typisch ist. In der Folgezeit wurden fünf Kapellen von den Patriziern gestiftet und angebaut. Die Reformation traf Ravensburg 1544. Aber ab 1554 wurde die Kirche bis Anfang des 19. Jh. von beiden Konfessionen genutzt. 1810 wurde sie im Rahmen der Auflösung des Klosters an die evangelische Kirche übergeben und gilt als Ravensburger Stadtkirche. Sie wurde 2016 – 2022 saniert.
Exkurs: Die Bevölkerung von Ravensburg besteht zu ca. 50 % aus Katholiken, zu 28 % Protestanten, der Rest gehört zu anderen Religionen oder ist konfessionslos.

Wir hörten, dass Ravensburg eine Reichsstadt war mit eigener Gerichtsstätte, mit Wehrtürmen, von denen 12 erhalten sind, mit eigener Münzprägung, mit Reichsadler (ähnlich wie in Ulm, außer den vielen Türmen!).
Nun folgten die für uns interessantesten Gebäude: Der Blaserturm. Er war Feuerwache, Uhren- und Spähturm der Stadt, 51 m hoch. Bis 1911 war er mit einem Wächter (Blaser) besetzt (Ich hatte von weitem gedacht, es sei ein Kirchturm!)
Nebenan sieht man auf einer Mauer in großem Format das Graffito eines Esels.
Er soll an eine Patriziergesellschaft erinnern, die dort vom 15. bis 19. Jh. ihren Versammlungsort hatte, den Bürgermeister stellte und etliche Vorrechte besaß.

Wir sahen das Lederhaus, Marktgebäude der Handwerker, z.B. der Gerber, Sattler und Schuhmacher aus dem 15./16 Jh. mit bemerkenswerter Bemalung.
Zum Abschluss der Führung besuchten wir das Rathaus, erbaut 1386.
Im ersten Stock gibt es zwei prachtvolle spätgotische Ratssäle, die mit gewölbten Balkensegmentdecken und historisch bedeutsamen Ausstattungsmerkmalen versehen sind, wie etwa Glasfenstern, Zunfttafeln, Fresken und einem Stadtplan von 1625. Interessant und auffällig ist die Architektur der Beleuchtung im großen Saal. Dieser ist der Sitzungssaal des Gemeinderats.

Im kleinen Saal fallen zwei sandsteinerne Fensterpfeiler mit plastischem Schmuck aus dem 14. Jahrhundert auf. Dort gibt es Trauungen für bis zu 80 Personen (persönliche Anmerkung von Herrn Borrasch: Wenn man dort heiratet, bedeutet das nicht, dass die Ehe ewig hält. Das könne er aus eigener Erfahrung sagen!). Es gibt auch noch ein kleines Trauzimmer für ca. 15 Personen.
Zur Erholung und zum Abschluss besuchten wir ein Café am Marienplatz, wo wir schon draußen in der Sonne sitzen konnten.
Von da aus ging es gemütlich zum Bahnhof, und wir kamen mit dem Zug pünktlich in Laupheim bzw. in Ulm an.
Die Gruppe dankt herzlich Beate Braun für die perfekte Vorbereitung und Organisation dieses schönen Ausflugs.
(1) Die Münter-Ausstellung im Kunstmuseum ist inzwischen beendet.





